Nordische Kraftsymbole – Teil 3:
Brísingamen –
Was Freya uns über Kraft lehrt
Über weibliche Urkraft, Ganzheit und dein inneres Feuer.
Das Recht zu strahlen
Es gibt Geschichten, die sind weit mehr als nur eine Erzählung.
Sie sind eine tiefe Erinnerung. Sie sind Körperwissen. Sie berühren eine Wahrheit, die tief in uns wieder lebendig wird, wenn wir sie hören.
Sie sind die Kraft, die uns aufrichtet.
Eine solche Geschichte ist die Geschichte von Brísingamen, dem goldenen Halsreif der Göttin Freya. Diese Geschichte erzählt keineswegs nur von einem Schmuckstück. Sie erzählt von Selbstbestimmung, archaischer weiblicher Spiritualität und Würde. Und davon, was unser inneres Feuer entfacht.
Freya, die große Göttin
Freya, die schönste aller Göttinnen, trägt das schönste aller Schmuckstücke: einen Halsreif aus Gold und Bernstein namens Brísingamen, der leuchtet wie die Sonne selbst.
Freya ist die Göttin der Magie, des Todes, der Erotik, der Lebenskraft und vieles mehr. Sie ist die Göttin der freien Frauen. Viele viele Jahrhunderte war sie die beliebteste Göttin überhaupt und wurde in Skandinavien und Island noch lange nach der Christianisierung verehrt.
Sie beherrscht Seidr, die alte nordische schamanische Praxis des Sehens, Singens und Wirkens zwischen den Welten – und diese hohe Kunst beherrscht sie besser als alle anderen Götter. Sie kann sich in einen Falken verwandeln. Sie zieht mit ihrem von Katzen gezogen Wagen über die Schachtfelder und wählt die Toten für ihr Totenreich aus – noch bevor Odin seine Krieger für Walhalla auswählt.
Sie ist ungebunden und frei, selbstbestimmt und eigenmächtig. Sie ist eine aufrechte Göttin, die sich niemandem unterordnet. Sie ist die Göttin, die uns daran erinnert, aufrecht zu stehen. Die nicht erst fragt, ob sie leuchten darf, sondern es einfach tut. Die ihre wahre Kraft lebt und nichts von sich abspaltet. Die sich nimmt, wonach die begehrt.
So wie in der Geschichte von Brísingamen:
Wenn du diese Geschichte nicht nur lesen, sondern erleben möchtest, kannst du das hier tun
Brísingamen – Was Freya uns über Kraft lehrt
(Das Ritual beginnt bei 10:20)
Brísingamen
Als Freya einst durch die Landschaft wandelt – neugierig, wach, lebendig –, hört sie ein Hämmern aus einem Felsen.
Vier Zwerge arbeiten dort: Alfrigg, Dvalinn, Berlingr und Grerr. Sie erschaffen mit Kunstfertigkeit und Hingabe einen einzigartigen Reif: Brísingamen.
Freya sieht ihn – und weiß: Sie will ihn.
Gold und Silber als Bezahlung lehnen die Zwerge ab. Sie verlangen etwas anderes, Wertvolleres: Hingabe.
Freya soll mit jedem von ihnen eine Nacht verbringen. Dann soll Brísingamen ihr gehören.
Freya willigt ein – und sie tut das ohne Scham und ohne Rechtfertigung.
Vier Nächte. Vier Begegnungen. Hingabe gegen Hingabe.
So erhält sie Brísingamen.
Nimm dir einen Moment, halte kurz inne. Atme einmal tief ein und aus und verbinde dich mit dir selbst. Und jetzt frage dich ehrlich:
Wo in meinem Leben weiß ich, was ich will – und zögere trotzdem?
Wo warte ich noch auf Erlaubnis?
Wo halte ich mich selbst zurück?
Später wird diese Geschichte umgeschrieben, verurteilt, moralisiert und verkleinert.
Aber es wäre nicht ein nordischer Mythos, wenn nicht etwas viel Größeres (und auch Älteres) darunter läge, das eine tiefe und kraftvolle Botschaft bis in unsere moderne Welt trägt.
Was hier geschieht, ist weit entfernt von einem Skandal. Es ist der Erhalt der kosmischen Ordnung.
Das kosmische Lebensfeuer
Freya, die Göttin der Magie und des schamanischen Seidr, macht hier, was Götter eben tun: sie hält die kosmische Ordnung aufrecht. Denn Bísingamen, altnord. für Feuer, Flamme, Glanz, ist das Symbol für die aufgehende Sonne. Er ist ein Sonnenreif, der den Lauf der Sonne darstellt, den Horizontbogen, den Rhythmus der Welt. Und den hält Freya durch die Vereinigung mit den Zwergen aufrecht (die vier Zwerge werden deswegen auch oft als die vier Himmelrichtungen gedeutet).
Doch die Geschichte geht noch tiefer. Sie trägt ihre archaische Botschaft bis in unser modernes Leben, bis tief hinein in unsere Hexenherzen. Denn sie erinnert uns daran, wie wir selbst unser eigenes Feuer aufrechterhalten können. Eine Anleitung dazu findet sich versteckt in den Namen der vier Zwerge.
Das innere Lebensfeuer
Freya verschmilzt nicht einfach mit Zwergen. Sie verschmilzt mit Zuständen, die für die alte weibliche spirituelle Kraft des Seidr stehen, für den schamanischen Weg:
Die vier Schwellen der Kraft
Alfrigg – Alf: Lichtwesen, Anderswelt
Das Herbeirufen von Hilfskräften aus der Anderswelt wie die Flygia (Krafttier oder Hilsfgeist), Ahnenkräfte, geistige Verbündete
Dvalinn – der Langsame, der Schlafende, von dvala: Schlaf, Trance.
Das Absinken in einen anderen, erweiterten Bewusstseins- Zustand, in Trance
Berlingr – mögliche Herleitung von bera: tragen, gebären.
Das Hervorbringen von Neuem aus der Tiefe, das Gebären dessen, was in dir reif ist
Grerr – wild, rau, kraftvoll.
Diese schöpferische Lebenskraft selbst ins Leben integrieren, ohne Erlaubnis und ohne Scham.
Die vier Zwerge verkörpern vier wesentliche Schwellen des schamanischen Wirkens, des Seidr, dessen große Meisterin Freya ist.
Verbinden → Hinabsteigen/Trance → Gebären → Lebenskraft
Vier Nächte, vier Schwellen für die voll entfaltete weibliche schöpferische Kraft.
Die Geschichte um Brísingamen ist ein Weg in deine eigene Kraft
So wie Freya die kosmische Ordnung aufrechterhält, ist es unsere Aufgabe, unsere eigene innere Ordnung aufrecht zu erhalten. Unser eigenes, inneres Lebensfeuer lebendig zu halten, unseren ureigenen Rhythmus zu leben – verbunden mit größeren Kräften.
Brísingamen ist also kein Schmuckstück im profanen Sinn. Er ist das sichtbare Zeichen einer verkörperten inneren Ordnung. Das Leuchten, das entsteht, wenn nichts mehr abgespalten ist.
Freya strahlt nicht, weil sie Brísnigamen trägt. Sie trägt Brísingamen, weil sie die Kraft hat, das kosmische Feuer am Leben zu erhalten.
Wenn Freya ihre Kräfte nicht abspaltet – warum tun wir es?
Nimm dir noch mal einen Moment Zeit. Atme tief. Verbinde dich mit dir selbst.
Und frage dich, ganz ehrlich:
Welche Nacht habe ich abgespalten?
Wo bleibe ich an der Oberfläche und gehe nicht hinab?
Wo gebäre ich nicht, was längst reif ist?
Wo halte ich meine Lebenskraft zurück?
Brísingamen – Erinnerung an dein inneres Feuer
Brísingamen erinnert dich daran, dass dein Strahlen, dein inneres Feuer nicht von außen kommt. Es kommt nicht von Leistung, von Anerkennung, von Rollen, Perfektionismus oder Pflichterfüllung.
Dein ureigenes Feuer brennt dann am hellsten, wenn du dich mit deinen archaischen Kräften vereinst und deinen Raum einnimmst – ohne zu fragen und ohne zu rechtfertigen.
Freya erinnert dich mit Brísnigamen an dein inneres Feuer. An dein Recht zu strahlen.
Und vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieser Geschichte:
Niemand entzündet das Feuer für dich. Es entsteht, wenn du dich nicht mehr teilst.
Du gehst hinab, du vereinst dich mit deinen Kräften. Und dann stehst du – und leuchtest.
Vielleicht ist Brísingamen nichts anderes
als ein sichtbar gewordenes Hexenherz.
Ritual: Die vier Schwellen des Feuers
Wenn du diese Geschichte nicht nur verstehen, sondern verkörpern willst, dann lade ich dich jetzt von Herzen ein, in einem Ritual durch diese vier Schwellen zu gehen.
Du brauchst:
- einen stillen Ort
- optional: Trommelmusik oder rhythmische Musik
1. Alfrigg – Verbinden
Setze dich aufrecht.
Spüre deine Füße auf dem Boden.
Bevor du die Augen schließt,
atme bewusst ein.
Rufe innerlich eine Kraft, die dich schützt und begleitet.
Vielleicht ist es deine Fylgia. Ein Krafttier
Vielleicht eine Ahnin.
Vielleicht eine Kraft, die keinen Namen trägt.
Du musst sie nicht sehen.
Es reicht, sie zu wissen und zu fühlen.
Spüre:
Du bist nicht allein.
Sprich innerlich:
Ich verbinde mich.
Ich rufe meine Kraft.
Erst jetzt schließe die Augen.
2. Dvalinn – Hinabsteigen
Vertiefe deinen Atem.
Atme länger aus als ein.
Stell dir vor, du sinkst unter die Oberfläche deines Alltags.
Unter deine Rollen.
Unter Erwartungen.
Unter Widerstände.
Du gehst tiefer.
Wenn Bilder kommen – bleib.
Wenn Dunkelheit kommt – bleib.
Wenn nichts kommt – bleib.
Sprich:
Ich sinke hinab.
Ich halte meine Tiefe.
3. Berlingr – Gebären
Lege eine Hand auf deinen Unterbauch.
Spüre, was in dir reif ist.
Ohne Druck.
Ohne Plan.
Vielleicht ist es eine Entscheidung.
Vielleicht ein Nein.
Vielleicht ein Ja.
Vielleicht nur ein Gefühl, das gelebt werden will.
Sprich:
Ich bringe hervor, was in mir reif ist.
4. Grerr – Megin
Jetzt richte dich auf.
Spüre deine Wirbelsäule.
Deinen Brustkorb.
Deinen Hals.
Atme kraftvoll.
Stell dir vor, dein inneres Feuer steigt auf.
Spüre deine Wildheit.
Deine Klarheit.
Deine rohe Kraft.
Sprich laut:
Ich bin nicht geteilt.
Ich stehe.
Verweile in dieser Kraft, solange du magst.
Mögen deine Wege dich in deine Kraft bringen.
👉 Brisingamen ist Teil des Weges des Nordens.
In diesem Jahr öffnet sich die erste Schwelle:
Das Hexenherz erwacht.
Wenn du spürst, dass dein Hexenherz gerufen wird,
bleib verbunden.
👉 Und wenn du tiefer in die schamanischen Wurzeln dieses Weges eintauchen möchtest,
findest du sie ausführlich beschrieben in meinem Buch
Nordischer Schamanismus –
mit Hintergründen, Ritualen und geführten Reisen.

Diese Art der Transformation hast du sehr schön beschrieben. Ich hab mich immer schon gefragt, was die Zwerge symbolisieren… kann ich davon ausgehen, dass sie Kräfte im Unterbewusstsein sind? Männliche Kräfte in der Frau, die ihr erlauben, in die Ganzheit zu kommen?
Liebe Ursula, interessante Frage! Ehrlicherweise war mir bis eben noch gar nicht so klar bewusst, dass – zumindest in der Edda – meines Wissens gar keine weiblichen Zwerge benannt sind! Wenn man die Geschichte von Brisingamen psychologisch deutet, dann sind die Zwerge auf jeden Fall Kräfte des Unterbewusstseins, die, wenn wir mit ihnen verschmelzen, lebendig werden. Und wenn wir sie männlich konnotieren, dann wäre das ein schönes Bild für das Yin – Yang- Prinzip, in dem die Kräfte ausbalanciert sind. Nur wenn wir das Weibliche UND das Männliche in uns voll leben, sind wir in unserer ganzen Kraft. Danke dir für den Impuls!